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02.

Feb

2010

Reise-Blog: Perlen des Elsass PDF Drucken E-Mail
  
Mittwoch, 10. Juni 2009 Colmar, Hattstatt (Elsass / Frankreich)

Heute besuchen wir die Perle des Elsass: Colmar - nach Straßburg und Mülhausen die drittgrößte Stadt der Region und Hauptstadt des Dèpartement Haut-Rhin (Hochrhein). Ein Fundstück ganz anderer Art erwartet uns im nahen Hattstatt. Ein Hort der Erinnerungen, der bereits wartet "entdeckt" zu werden.

Schon am Stadtrand von Colmar werden die Besucher von einer beeindruckenden Statue begrüßt, die Vorbeifahrende unweigerlich an New York denken lässt. Die zwölf Meter hohe Kopie der wohl berühmtesten Armleuchte der Welt erinnert seit 2004 an Colmars berühmten Sohn - den Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi, Schöpfer der amerikanischen Freiheitsstatue.

Eine Inneninspektion ist, im Gegensatz zum Original, größenbedingt nicht möglich. Aber kein Problem - mein Interesse der Allerwertesten in den selbigen zu kriechen, hielt sich in Grenzen.

Uns hat es vor allem die pittoreske Innenstadt angetan: kleine, schmale Gassen, gesäumt von liebevoll restaurierten Fachwerk-Häusern und durchzogen von der Lauch, einem kleinen Fluss, der ganz in der Nähe in die Ill mündet und Colmars Anspruch auf ein eigenes "Klein Venedig" begründet. Kurz: Ein Kleinod der Region, obwohl die Bezeichnung "Klein Venedig" ein wenig überzogen scheint.

Generell wird der Begriff "Klein Venedig" in letzter Zeit äußerst inflationär verwendet. Jede Stadt, sofern sie über einen Fluss Wasserlauf und ein halbes Dutzend Brücken verfügt, wirbt, wenn sie etwas auf sich hält, mit diesem zweifelhaften Titel. Zumal es Colmar gar nicht nötig hat, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Doch die Herren vom hiesigen Tourismus-Verband sehen das offenbar anders. Und so schippern zwei Gondolieres mit ihren Langbooten durch die schmalen Fahrwasser der Lauch, die mit dem Canale Grande ungefähr soviel gemein hat wie die Weiße Elster mit dem Amazonas.

Unser zweiter Tagesordnungspunkt führt uns nach Hattstatt, unweit von Colmar. Hier lebt Gérard Teichert, ein langjähriger Leser des Trebnitzer Tickers. Gérard, der ursprünglich aus Dorna stammt, trat vor einigen Jahren per E-Mail mit uns in Kontakt. Nach kurzer Korrespondenz folgte ein erster Besuch in Trebnitz. Heute also der Gegenbesuch in Frankreich.

Kaum angekommen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Gérard und seine Frau Stéphanie haben extra Erdbeertorte gebacken, der Tisch ist bereits gedeckt und Kaffeeduft steigt uns in die Nase. Gérard hat nichts dem Zufall überlassen. Kein Wunder, Rentner haben niemals
Zeit und der Mittachtziger hat einen straffen Zeitplan. Tagsüber kümmert er sich um allerhand in Haus und Garten, kocht Marmelade ein, hält Kontakt mit Familie und Bekannten in aller Welt und schreibt seine Erinnerungen aus ferner Jugend nieder. Stoff dazu gibt es reichlich, denn der Tausendsassa blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Der Krieg verschlug den damals 17-jährigen Dornaer in die Ferne. Dort geriet er in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung in die Freiheit, blieb er der Liebe wegen im Elsass. Mit dem wenigen Geld, das er besaß, kaufte er in Hattstatt eine marode Bauernkate, die er mit viel Mühe und Schweiß zu einem bescheidenen Heim inmitten der Weinberge ausbaute - nahezu eigenhändig wie er uns mit Stolz berichtet. Und wir glauben es ihm ungesehen. Zu jedem Detail, sei es ein Küchenschrank oder ein altes Ofenrohr, weiß Gérard eine Anekdote zu berichten. Man merkt sofort, in diesem Haus steckt eine Menge Herzblut und viele Erinnerungen - Erinnerungen, an denen er uns teilhaben lässt: die Jugend in Dorna, seine Erlebnisse während der Nachkriegszeit, die abenteuerlichen Besuche in der damaligen DDR, als er mit einem Motorrad den langen Weg nach Dorna zurücklegte.

Später, wenn es Nacht wird, geht Gérard seiner wahren Passion nach. Dann löscht er die Lichter, baut im Garten sein Teleskop auf und notiert akribisch seine Beobachtungen. Dann wird aus dem vielbeschäftigten Senior der "Observateur". Für seine wissenschaftliche Arbeit ist er in Hattstatt bekannt und weltweit anerkannt. Anerkennung, die ihm schon Gastvorträge vor Fachpublikum eingebracht hat. Für interessierte Besucher hat Gérard ein kleines Museum in seinem Keller eingerichtet. Wir versäumen es nicht, uns einmal dort umzusehen, und staunen nicht schlecht: handgezeichnete Skizzen des Mars zieren die Wände, in großen Schaukästen, die Gérard für Vorträge und Ausstellungen verwendet, sind die Erkenntnisse festgehalten, die er in jahrelanger Kleinarbeit zusammengetragen hat. Streng wissenschaftlich - versteht sich!

Für den "Sternengucker" von Hattstatt ist noch lang noch nicht Schluss, als sich unser Besuch dem Ende zuneigt. Zum Abschied zeigt er uns noch sein Computerkabinett, in dem er - hin- und hergerissen zwischen Windows PC und Apple MacOS - Verbindungen in alle Welt unterhält und sich von Zeit zu Zeit auch über Neuigkeiten in der alten Heimat informiert.

Auch uns fällt der Abschied schwer. Den Geschichten dieses sympathischen Erzählers möchte man ewig zuhören, doch ein Abschiedsgeschenk versüßt uns die Heimfahrt. Als wir von Eindrücken überwältigt im Hotel ankommen, liegt bereits eine E-Mail im Postfach: "Grüße aus Frankreich von Stéphanie und Gérard" Dieser Mann ist ein Unikum - eine weitere Perle im Elsass! Ein Verlust für Dorna, aber ein Gewinn für die Deutsch-Französische Freundschaft.

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Aktualisiert ( Montag, 15. März 2010 um 10:19 )
 

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